Der aufgewertete Stromtrassenabschnitt beim Mittleren Brandel, Kleinlützel (SO). Thomas Zumbrunn
30.04.2026

Hochspannungsleitungen im Dienste von Mensch und Natur

Die diesjährige Jahresversammlung von Pro Natura Baselland fand im Laufental statt. Höhepunkt war die Exkursion zum Mittleren Brandel in Kleinlützel (SO). Im Rahmen des Stromtrassenprojekts wurde dort vor vier Jahren 350 Meter langer Waldabschnitt unter der IWB-Hochspannungsleitung, die von Binningen nach Bassecourt (JU) führt, zu einem arten- und strukturreichen Lebensraum aufgewertet.

Bei Begriffen wie «Hochspannungsleitung», «Stromtrasse» und «Niederhaltungsservitut» denken die meisten von uns vermutlich nicht zuerst an idyllische Naturlandschaften. Den rund 20 Personen, die letzten Samstag im Vorfeld der Jahresversammlung von Pro Natura Baselland an der von Co-Geschäftsführer Thomas Fabbro und Projektleiterin Meret Halter geführten Exkursion teilnahmen, dürfte es inzwischen jedoch anders gehen.

Von Kleinlützel aus wanderte die Gruppe zum «Mittleren Brandel». Dort quert die Hochspannungsleitung der IWB, die von Binningen im Kanton Basel-Landschaft bis Bassecourt im Kanton Jura führt, ein rund 350 Meter langes Waldstück in West-Ost-Richtung.

Der Bereich, den eine Stromleitung — sei sie frei hängend oder im Boden verlegt, sei es im Hochspannungs- oder Niederspannungsbereich — durchquert, wird «Stromtrasse» genannt. Allein in der Schweiz gibt es Zehntausende Kilometer dieser Stromtrassen. Führen Stromtrassen über offenes Land, werden in der Regel nur die Bereiche beansprucht, in denen die Masten stehen. Führen Stromtrassen jedoch durch Wälder, müssen aufkommende Bäume und Sträucher regelmässig zurückgeschnitten werden, damit diese nicht in die Stromleitungen und -masten einwachsen. Die Freihaltung dieser Bereiche wird über sogenannte Niederhaltungsservitute geregelt. Dabei handelt es sich um Grunddienstbarkeiten, die die Eigentümer der Strominfrastruktur dazu berechtigen, das darunterliegende Gehölz niedrig zu halten.

Auch heute noch werden die meisten Stromtrassen alle 10 bis 20 Jahre einfach gerodet. Das anfallende Holz wird entweder vor Ort deponiert oder abgeführt. Von dieser Art der Bewirtschaftung profitieren vor allem schnell wachsende Arten, die den Rückschnitt gut vertragen, wie beispielsweise Hasel und Hartriegel. Aus ökologischer Sicht sind die meisten Stromtrassen im Wald deshalb nicht besonders wertvoll.

Die Exkursionsteilnehmerinnen und -teilnehmer konnten sich beim Mittleren Brandel davon überzeugen, dass dies keineswegs so sein muss. Vor vier Jahren wurde das Waldstück unter der Hochspannungsleitung mit einem Schreitbagger durchforstet. Dabei wurden beidseitig innere, stufige Waldränder ausgebildet. Auf der Fläche wurden ökologisch besonders wertvolle Bäume und Sträucher sowie Totholz stehen gelassen. Dazu gehören beispielsweise langsam wachsende, seltene Baumarten wie Mehl- und Elsbeere sowie Weichhölzer wie Zitterpappeln und Weiden. Auf dem Rest der Fläche wurden die Stöcke herausgefräst, um Stockausschläge zu reduzieren und die Fläche mähbar zu machen. Zudem wurden einige Amphibienweiher angelegt.

Meret Halter und Thomas Fabbro erläuterten den staunenden Zuhörerinnen und Zuhörern, welche Pflanzen und Tiere es in der fünften Vegetationsperiode nach dem Eingriff hier zu sehen gibt. Auf den blühenden Wiesen mit seltenen Wildstauden, prächtigen Einzelbäumen und -sträuchern sowie lauschigen Kleingewässern gaukeln Sommervögel und summen Wildbienen. Die Aufwertungsmassnahmen hatten insbesondere zum Ziel, Insekten zu fördern und einen Wanderkorridor zu schaffen. Dass dies funktioniert, zeigt beispielsweise der kürzlich erfolgte sensationelle Nachweis der Lungenkraut-Mauerbiene (Osmia pilicornis), einer Wildbienenart, die in der Schweiz als stark gefährdet gilt und deshalb auf der Roten Liste steht. Der Insektenreichtum führt wiederum dazu, dass davon abhängige Arten wie Vögel, Amphibien und Reptilien profitieren und sowohl die Artenvielfalt als auch deren Biomasse zunehmen.

Nach der Besichtigung der attraktiven, parkähnlichen Landschaftskammer fragten sich sämtliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer, warum nicht alle Stromtrassen im Wald so aussehen. Tatsächlich bekunden weitere grosse Übertragungsnetzbetreiber grosses Interesse daran, ihre Stromtrassen schrittweise so umzugestalten, dass sie sowohl uns Menschen als auch der Natur dienen.

Bilder

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    Legende: Blick Richtung Osten auf einen aufgelichteten Föhrenwald.
    Fotograf: Thomas Zumbrunn, Pro Natura Baselland
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    Legende: Blick Richtung Westen. Beim Eingriff vor vier Jahren wurden ökologisch besonders wertvolle Sträucher und Bäume stehen gelassen und bilden so zusammen mit der aufkommenden krautigen Vegetation eine halboffene, parkähnliche Landschaft.
    Fotograf: Thomas Zumbrunn, Pro Natura Baselland
  • Bild: gv2026_3_cr_thomas_zumbrunn.jpg
    Legende: Blick Richtung Westen. Dieser Bereich wurde bis in die 70er Jahre hinein beweidet und könnte auch heute alternativ zur maschinellen Pflege wieder beweidet werden.
    Fotograf: Thomas Zumbrunn, Pro Natura Baselland
  • Bild: gv2026_4_cr_thomas_zumbrunn.jpg
    Legende: Blick Richtung Osten. Die Exkursionsteilnehmer/-innen stehen neben einem der neu angelegten Amphibienweiher.
    Fotograf: Thomas Zumbrunn, Pro Natura Baselland
  • Bild: gv2026_5_cr_thomas_zumbrunn.jpg
    Legende: Blick Richtung Westen. Der neu geschaffene strukturreiche Lebensraum enthält auch stehendes und liegendes Totholz.
    Fotograf: Thomas Zumbrunn, Pro Natura Baselland
  • Bild: gv2026_6_cr_thomas_zumbrunn.jpg
    Legende: Pantherspanner (Pseudopanthera macularia) sind tagaktive Nachtfalter und hier bei der Paarung zu sehen.
    Fotograf: Thomas Zumbrunn, Pro Natura Baselland

Die Bilder sind im Zusammenhang mit der Berichterstattung unter Angabe des Copyrights frei zum Abdruck.

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  • Thomas Fabbro, Co-Geschäftsführer Pro Natura Baselland, 077 511 43 73, @email
  • Meret Halter, Projektleiterin Pro Natura Baselland, @email

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Thomas Fabbro, Co-Geschäftsführer Pro Natura Baselland, 077 511 43 73, @email